Ein kleines Zeitfenster aus dem Leben von Irene Olislagers

Die letzten Kriegsjahre und die Zeit nach der Flucht am Niederrhein (aufgeschrieben von ihrer Tochter)

Irene wurde am 25.08.1925 geboren und ist heute 100 Jahre alt. Sie lebt noch immer in Rheurdt. Karin & Erika sind ihre Töchter. Wenn in der Geschichte von einer Tante oder Oma und Opa die Rede ist, sind die genannten Namen frei erfunden und entsprechen nicht der Realität.

Sommer 1943: Weißenfels

Karin war wenige Monate alt und blieb bei Oma Mia in Hermeshof (bei Goldap in Ostpreußen heute Polen), während Mutti zu Vati ins Lazarett nach Weißenfels (bei Halle) fuhr. Vati war auf dem Weg zur Front nach Italien am Knie verwundet worden. Er lag ca. 6-8 Wochen im Lazarett, und Mutti besuchte ihn dort. Sie wohnte in Weißenfels in einer Pension und durfte ihren Mann täglich sehen. Vatis Fuß steckte in einem Streckverband, und er durfte nur in den Park des Lazaretts gehen. Es war ihm nicht erlaubt, das Gelände zu verlassen. Das Lazarett war vorher ein Hotel. Über 100 Soldaten lagen in einem riesigen Saal. Nach dem Aufenthalt im Lazarett kam Vati nach Halberstadt (Ostdeutschland). Weil er noch nicht wieder voll einsatzfähig war, sollte er in einer Waffenkammer arbeiten. Nach seinem Aufenthalt im Lazarett fuhr seine Frau von Weißenfels aus wieder nach Hermeshof zu ihrer kleinen Tochter und ihrer Mutter. Karin und Mutti lebten bei Muttis Eltern in einem neu gebauten Haus direkt an den masurischen Seen. Opa Friedrich war zu dieser Zeit in Estland im Krieg.

Juni/Juli 1944: Halberstadt

Der vorgesetzte von Vati hatte ihn darauf hingewiesen, seine Familie möglichst aus Ostpreußen herauszuholen – und zwar so schnell wie möglich.

Er gab Vati dafür „Kurzurlaub“. Es ist klar, dass dies ein sehr heikler Hinweis war, denn alle waren darauf verpflichtet, am „Endsieg“ festzuhalten, vor allem natürlich das Militär. Mit diesem „veranlassten Urlaub“ hat dieser Mensch vielleicht unserer Mutter und unseren beiden ältesten Schwestern das Leben gerettet. Ganz sicher aber hat er geholfen, die Familie in diesen bedrohlichen Zeiten zusammenzuführen, wenn auch nur für eine kurze Zeit, wie sich zeigen wird.

Vati fuhr mit dem Zug nach Hermeshof, und kehrte acht Tage später zusammen mit Mutti und Karin (ca. 1,5 Jahre alt) nach Halberstadt zurück. Sie reisten erste Klasse, weil Vati Kriegsversehrter war und Mutti hochschwanger mit ihrer zweiten Tochter Erika. Das Unternehmen, die Familie in den Westen zu holen, war natürlich streng geheim und musste unauffällig geschehen.

Oma Mia, Tante Irm und Tante Anna blieben in Hermeshof, denn es war verboten, dass die Bevölkerung den Osten Deutschlands verließ. Es muss ein schrecklicher Abschied gewesen sein, denn es war ungewiss, ob sie sich je wiedersehen würden. Dass sie sich auf dem Weg nach Westen noch begegnen würden, war zu diesem Zeitpunkt völlig unklar.

In Halberstadt hatte ein Kamerad von Vati versäumt, ein Zimmer für Mutti und Karin zu besorgen, deshalb mussten die beiden in einem großen Saal übernachten. Dort gab es kein Licht und sie mussten auf einer Pritsche schlafen – es war eine Unterkunft für Flüchtlinge und Ausgebombte.

Vati musste in der Kaserne bleiben, und Mutti war ganz alleine mit ihrem Kind. Spät an diesem Abend klopfte es plötzlich am Tor ihrer Unterkunft. Das nächtliche Klopfen in dieser für sie so bedrückenden und angstbesetzten Situation hat sie sehr in Schrecken versetzt. Es war aber glücklicherweise Vati, der klopfte, denn er wollte seine Frau und seine Tochter abholen. Mutti konnte das große Tor in der Dunkelheit nicht öffnen, aber mit Vatis Anweisungen von außen ist es dann irgendwie doch gelungen.

Für eine Nacht konnte Mutti mit Karin bei der Freundin eines Kameraden von Vati unterkommen. Das war alles sehr spontan und unerwartet, zumal die Freundin ebenfalls nur zur Untermiete wohnte. So war auch dies nur eine vorübergehende Lösung – aber für Mutti war alles andere besser als in der fremden Stadt in einem düsteren Saal mit Karin alleine und quasi „illegal“ zu sein. Karin wurde angehalten ruhig zu bleiben, damit die Situation für die Vermieterin nicht zu belastend wurde.

Am nächsten Tag ging es in eine Notwohnung auf einem Hinterhof. In diesem Hinterhof hatte außerdem noch eine Frau mit zwei unehelichen Kindern eine Wohnung. Hier trafen zwei Frauen aufeinander, die sich beide in einer schwierigen Lebenssituation befanden: die eine schwanger und mit Kleinkind auf der Flucht aus dem Osten, die andere mit zwei nicht ehelichen Kindern, im Jahre 1944 sozial nicht anerkannt. Für Mutti war diese Frau ein Lichtblick. Die beiden hatten eine große Gemeinsamkeit: die Sorge um ihre Kinder. Die jungen Mütter gingen gemeinsam mit ihren Kindern spazieren, die frau kümmerte sich um unsere Mutter und begleitete sie bei ihren Besorgungen. Sie gab Mutti ein wenig Halt in dieser so verunsichernden Lebenssituation. Als Flüchtling hatte Mutti das Anrecht auf Lebensmittelmarken verwirkt. Rechte oder Ansprüche auf irgendwelchen materiellen Hilfen konnte Mutti kaum geltenden machen.

Oma hatte trotzdem versucht, für ihre Tochter in Hermeshof Lebensmittelkarten zu bekommen, was jedoch misslang. Der Bürgermeister verweigerte die Lebensmittelkarten, weil Mutti mit ihrem Verhalten gezeigt hatte, dass sie dem Führer nicht mehr vertraute. Rechtlos, mit einem Kind, hochschwanger und mit einem jungen Ehemann, der immer Gefahr lief, an die Front zu müssen – welche Hilflosigkeit und Not muss das Leben in jenen Tagen geprägt haben?

Für Mutti war der Abschied aus Hermeshof so überstürzt gekommen, und das, was dann folgte, war so schwierig, dass sie kaum über Trennungsschmerz nachdenken konnte. Ich denke, für Oma und Tante Irm muss der Abschied schwer gewesen sein, denn niemand konnte ahnen, dass sie sich einige Monate später in Stendal alle wiedersehen würden - allerdings, um sich dann auf dem Weg nach Westen erneut zu trennen.

Unsere Eltern blieben 4-6 Wochen lang in Halberstadt. Mutti lebte dort notdürftig mit Karin und im neunten Monat schwanger in einer Einraumwohnung. Möbliert war diese mit Tisch, Bett, Sofa und einem Zweiplattenherd. (An solche Details erinnert sich Mutti in den Gesprächen immer ganz genau. Wenn ich sie während den Erzählungen ansehe, dann ist es, als würde gerade ein Film vor ihrem inneren Auge ablaufen.)

August 1944: Vati wird nach Stendal versetzt

Nach seiner Genesungszeit wurde Vati von Halberstadt nach Stendal versetzt. Die kleine Familie musste in aller Frühe aufbrechen, denn als Soldat musste er noch vor seinem Dienstantritt Frau und Kind untergebracht haben. Er fürchtete Fliegeralarm. Der Zug verließ schnell noch den Bahnhof, um aus der Gefahrenzone heraus zu sein.

Jetzt setzten bei Mutti die Wehen ein. Zufällig war eine Krankenschwester mit im Zug. Sie fragte Mutti, ob sie es noch bis zum nächsten Bahnhof schaffen könnte. Diese Krankenschwester war sehr fürsorglich, sie hat auf jedem Bahnhof zwischen Halberstadt und Stendal (ca. 140 km) das DRK informiert und eine Trage bereitstellen lassen. Aber Muttis Ziel war es, bis zu Vatis Standort zu gelangen. Bis Stendal wollte sie nicht gebären – und das ist ihr auch gelungen. Meine Schwester Erika ist auf dem Weg in den Westen in Stendal geboren worden.

Dort gab es keinen Krankentransport, und in der DRK-Station waren nur Rotkreuzschwestern. Diese wollten die Entbindung durchführen, aber Mutti schienen sie nicht ausreichend ausgebildet zu sein. Sie wollte unbedingt in ein Krankenhaus in Stendal. Die Wehen haben sie immer wieder übermannt, und sie berichtet, dass sie in ihrem Wehenschmerz sehr geschrien habe. Schließlich ist es doch noch gelungen, einen Krankentransporter zu organisieren, und auf den letzten Drücker erreichten sie das Krankenhaus. Erika wurde am 25.08.1944 geboren. Welch ein Geburtstagsgeschenk!

Am gleichen Abend besuchte der junge Vater seine Frau und seine Tochter im Krankenhaus. Karin hatte er in der Zwischenzeit bei einem Ehepaar gut untergebracht. Mutti kannte die Menschen nicht, die sich jetzt um ihre Tochter Karin kümmerten. Einfach war die ganze Situation für sie wahrscheinlich nicht.

Sie hatte gerade entbunden, in einer fremden Stadt, ohne die Unterstützung der Familie im Rücken, ihr erstes Kind war fremduntergebracht, und ihr Mann war Soldat in kriegerischen Zeiten. Was wurde dieser jungen Frau da alles abverlangt? Nach sieben Tagen wurde Mutti und Erika aus dem Krankenhaus entlassen. Vati hatte eine Wohnung organisiert: bei der in Erzählungen häufig als sehr unfreundlich beschriebenen Pastorenfrau. Diese hat bei Mutti das Gefühl, als Flüchtling unerwünscht zu sein, sehr geprägt. Mutti hatte Karin während der ganzen Zeit des Krankenhausaufenthaltes nicht gesehen. Die Pflegefamilie hätte Karin auch noch nach Muttis Entlassung eine Weile betreut, so lange, bis Mutti wieder bei Kräften war – aber das wollte sie auf keinen Fall. Sie war sehr traurig, weil Karin sie nach der Woche der Trennung kaum noch erkannte, und es war klar, dass sie ihr Kind sofort wieder zurücknehmen wollte. Die junge Mutter hatte ab jetzt zwei kleine Kinder zu versorgen – mit 19 Jahren quasi alleinerziehend, denn ihr Mann musste als Soldat in einer Kaserne Leben. Der Alltag im Kriegsjahr 1944 unterschied sich sehr vom Alltag heute. Mutti musste im zugigen Waschkeller im Wäschebottich Windeln waschen. Da blieb es nicht aus, dass die Wöchnerin krank wurde. So frisch nach der Entbindung bekam sie unter diesen Bedingungennach drei Tagen Fieber: Diagnose Wochenbettfieber. Auch hier war Vatis vorgesetzter wieder hilfreich, er beauftragte den Militärarzt, nach Mutti zu sehen. Zum Glück war dieser zufälligerweise Gynäkologe. Die Pastorenfrau hat den Verlust von zwei Zimmern vehement beklagt, und Mutti hat sich sehr unwohl in dieser Wohnung gefühlt – kein Wunder, denn ihr wurde täglich Ablehnung entgegengebracht. Der Ehemann der Vermieterin befand sich im Krieg. Als er einmal auf Heimaturlaub war, hat er mit Mutti kein Wort gesprochen. In der Wohnung der Pastorenfamilie lebte unsere Mutter, wie sie sagt, bis „der Russe“ kam.

Bereits acht Tage, nachdem Mutti in Stendal war, hörte sie im Radio, dass Goldap (ca. 2 km von Hermeshof entfernt) in russischer Hand war. Sie wusste zu dieser Zeit nicht, wie es ihrer Mutter und den Schwestern ging. Zum Glück waren Oma und Tante Anna einem Treck nach Rösl gekommen, das lag ca. 70-80 km von Hermeshof entfernt. Tante Anna war ein kleines Mädchen von sieben Jahren, und Oma war damals 45 Jahre alt. Tante Irm war mit ihrem Sohn Schwanger und wurde von einem Militärfahrzeug nach Westen gebracht.

Sommer 1944: Wiedersehen in Stendal

Wieder einmal hatte der Kommandant von Vati wichtige Weichen für die weitere Entwicklung unserer Familiengeschichte gestellt. Vati wurde ein „Sonderauftrag“ erteilt, und er konnte in den Osten reisen, um Oma Mia und Tante Anne nach Stendal zu bringen. Opa Friedrich war in der Zeit als Soldat in Königsberg stationiert. Vati wollte seinen Schwiegervater aus Königsberg nach Rösl holen, damit er sich von seiner Frau und der jüngsten Tochter verabschieden konnte. Dabei gab es große Schwierigkeiten und Opa sollte die Reise verweigert werden. Das war unmenschlich, denn Opa wusste nicht, ob er seine Familie überhaupt jemals wiedersehen würde. Er widersetzte sich und fuhr mit Vati nach Rösl, musste aber noch am selben tag zurück in die Kaserne nach Königsberg. Kaum nachzuvollziehen was da in den Gemütern vorging, als Oma, Opa und die kleine Anna sich voneinander verabschiedeten! Und wieder trat Vati, nun zusammen mit Oma und Tante Anna, die Reise in den Westen als geheime Mission an. Für Vati war das nicht ungefährlich, und ohne die Unterstützung seines Vorgesetzten wäre es undenkbar gewesen. So kam Oma mit Vati per Zug im Juni 1944 in Stendal an. Tante Irm hatte über die Verwandten in Herne (Familie K., ein Bruder von Uroma Lina), die über die gesamte zeit der Flucht eine zentrale Informationsstelle für alle Ks waren, erfahren, dass ihre Mutter, ihre Schwestern und die Kinder in Stendal, das sie im Frühjahr 1945 erreichte. Sie musste, ebenso wie ihre Schwester Irene die Strapazen der Flucht als Schwanger bewältigen (ihr Sohn wurde im Juni 1945 geboren).

Im letzten Kriegsjahr waren alle wieder vereint, weit entfernt von der geliebten Heimat, die keine Sicherheit mehr bot. Die Zeiten waren hart: Drei Frauen und drei, später vier Kinder waren nahezu allein auf sich gestellt, denn Vati musste bald nach seiner Genesung Stendal verlassen und wieder in den Krieg ziehen. Sie hatten materiell nahezu nichts mehr, aber sie hatten sich, und das war ein Segen.

Wie bereits berichtet hatte Mutti zu dieser Zeit bei der Pastorenfrau gelebt, und Oma mit Tante Irm und Tante Anna hatten bei Frau X. gelebt. Das war im selben Haus, nur eine Etage höher. Während dieser Zeit kochten Frauen auf aufgeschichteten Steinen im Hof. Eines Tages hatte Mutti dafür in der Umgebung nach Holz gesucht, als plötzlich ein Soldat hinter ihr auftauchte und sein Gewehr so auf sie anlegte, als ob er sie erschießen wollte. Als er sah, welche Angst er der jungen Frau eingejagt hatte, lachte er schallend. Diese Sekunden hat unsere Mutter ihr Leben lang nicht vergessen. Die drei Frauen und die Kinder lebten alle in einem Haus – bis zu dem Zeitpunkt, als die amerikanische Armee in die Wohnung der Pastorin ein Gericht einrichten wollte. Mutti wurde mitgeteilt, sie solle sich eine neue Wohnung suchen. Das hatte nichts mit dem zu tun, was wir uns heute unter Wohnungssuche vorstellen dürfen. Im Klartext hieß das, obdachlos zu sein und darauf zu hoffen, dass leerstehender Wohnraum besetzt werden konnte. Auf einen Mietvertrag und Wohnungsangebote brauchte die Flüchtlingsfrau nicht zu hoffen. Ausnahmezeiten erfordern Ausnamemaßnamen. Mutti, Oma, Tante Irm und die Kinder sind schließlich auf einen leerstehenden Söller gezogen, nur eine Straße von der bisherigen Wohnung entfernt.

Mit „dem Russen“ kamen die Wehen

Drei Wochen später marschierte die russische Armee ein. Zweifellos als Befreiungsarmee – dennoch hatten die Frauen Angst vor den russischen Soldaten in ihrem unmittelbaren Wohnumfeld, denn diese zogen nachts sturzbetrunken und wild um sich schießend durch die Straßen. Genau in der Nacht, in der die russische Armee in Stendal einrückte, setzten bei Tante Irm die Wehen ein. Oma begleitete sie zu Fuß und trotz der Ausgangssperre in ein Krankenhaus, und Mutti blieb bei den drei Kindern. Oma kehrte noch in der Nacht alleine zurück, und ihr Sohn kam (ebenso wie Erika einige Monate zuvor) in Stendal zur Welt. Der Vater war im krieg gefallen und so war Tante Irm allein verantwortlich für ihr Kind. Oma hat während dieser Zeit Tante Irm im Krankenhaus besucht, während Mutti die Kinder hütete. Vati war damals schon wieder auf dem weg zum Fronteinsatz. Man hatte ihn zur Westfront beordert. Die Frauen lebten also ganz allein in der Stadt, und von Opa Friedrich gab es keine Nachricht.

Der Krieg ging dem Ende zu, aber für die drei alleinstehenden Frauen war damit nicht alles gut. So war es den Bewohnern durch die Besatzungsmacht verboten worden, durch die Fenster zu schauen. Taten sie dennoch und wurden dabei beobachtet, wurden sie von den Soldaten beschossen. Die ganze Situation war für die Frauen sehr bedrohlich. Insbesondere Mutti hatte viel Angst. Dass ihnen keine sexuelle Gewalt angetan wurde, grenzt an ein Wunder. Unsere Mutter hat das damit erklärt, dass sich auf der Straße, in der die Frauen wohnten, ein Bordell befand.

All die Härten des Alltags, in dem es nur ums Überleben ging, wurden noch dadurch gesteigert, dass die ohnehin Heimatlosen erneut aus ihren Wohnungen vertrieben wurden. Wieder wurde ihnen der Wohnraum vom Militär genommen: Es gab die Anordnung, dass sie die Wohnung schnellstmöglich verlassen müssten. Wieder mussten sie all ihre spärliche Habseligkeiten zurücklassen, und das schmerzte sehr. Dazu wurde ein unglaublicher Zeitdruck aufgebaut, und auch wirklich wichtige Dinge konnten nicht mitgenommen werden.

Nun ging es mit allen Kindern zu einer Bekannten von Tante Irm. Hier gab es nur die Möglichkeit auf dem Boden zu schlafen. Das blieb nicht ohne Folgen: Tante Irm bekam eine Nierenentzündung. So konnte es nicht weitergehen. Oma und Tante Irm machten sich auf den Weg und suchten eine andere Wohnung. Das Baby, tante Anna, Tante Irm und Oma zogen zu einer alleinstehenden frau, und Mutti blieb bei Frau H., der bekannten von Tante Irm. Die beiden Wohnungen lagen nur wenige Straßen auseinander. Mutti machte sich noch einmal auf den Weg in die alte Wohnung, um etwas von ihren wenigen möbeln zu retten. Begleitet wurde sie von einer mutigen Bekannten, die mit den russischen Soldaten noch einen Streit anfing, weil diese nicht wollten, dass die Frauen einige ihrer Sachen aus der Wohnung holten. Mutti ist vor Angst fast gestorben, aber die beherzte Bekannte ging in ein Wortgefecht. Das hat Mutti noch mehr Angst gemacht, und auf ihr drängen hin sind die beiden dann schließlich gegangen.

Einige Tage später sah Mutti, wie Möbel auf einem Schulhof aufgereiht standen. Auch ihre Möbel, die sie als Flüchtlinge zugeteilt bekommen hatte, standen dabei, die Betten und zwei Schränke. Alles wurde verbrannt. Mutti war nun schon fast ein Jahr in Stendal und hatte noch immer kein Lebenszeichen von ihrem Mann. Der war in Dänemark oder Norddeutschland und hatte bei Kriegsende gehört, dass die Matrosen als erster aus dem Militär entlassen würden. Eigentlich war er Fallschirmjäger – aber mit Perspektive, möglichst schnell die Uniform ablegen zu können, besorgte er sich einen Matrosenanzug. Das war 1945, ungefähr im Juli, und so gelang es ihm, seine Entlassung aus dem Militär entgegennehmen zu können.

Zunächst ist Vati nach Rheurdt gegangen: das war sein Heimatort, und dort lebte seine Herkunftsfamilie. Von dort aus recherchierte er, wo seine Familie sein könnte, und brachte in Erfahrung, dass sie sich immer noch in Stendal befand. Auch hier erwies sich wieder Muttis Verwandte in Herne eine zentrale Informationsstelle, wie zuvor schon, als Tante Irm ihre Mutter und Schwestern gesucht hatte.

Vati ist dann von Rheurdt aus in das russische Besatzungsgebiet nach Stendal gefahren. Er kam in der Dunkelheit an und hat versucht, jeden Kontakt mit den Besatzern zu meiden.

Er hatte keinen Anhaltspunkt, wo er seine Familie suchen sollte. Da kam ihm eine Idee, an einen Ort zu gehen, an dem viele Menschen zusammenkommen: ins Kino. Er hatte die Hoffnung, dass ihm irgendjemand, was zu seiner Familie sagen könnte. Ich denke, dass da eine wunderbare göttliche Fügung im Spiel war: Die Tochter der Frau H. riss im Kino die Karten ab, sie kannte Vati aus seiner Zeit in Stendal und konnte ihm berichten, dass seine junge Frau und seine beiden Kinder wohlauf sind und bei ihrer Mutter wohnten. Und noch am selben Abend stand Vati dann vor Mutti. Nach 12 Monaten ohne Kontakt zueinander, und in der Unsicherheit, ob Vati überhaupt noch lebt, kam es zum Wiedersehen.

Am nächsten Morgen kam Oma ganz aufgeregt zur Wohnung von Frau H. und hatte Sorge, dass man Vati angegriffen hätte. In der Nacht hatten nämlich die russischen Soldaten die Wohnblocks nach Männern durchsucht, die ehemalige deutsche Soldaten hätte sein können – bis zu dem Vlog vor Muttis Unterkunft war alles durchsucht worden, und dann wurde die Aktion beendet. Nun hatten alle die Vermutung, dass die Suche in der nächsten Nacht fortgesetzt würde. Also war wieder ein plötzlicher Aufbruch in eine ungewisse Zukunft angesagt, nur dieses Mal war das Ziel klar: der Niederrhein, genauer gesagt Rheurdt, weil sich dort Vatis Elternhaus befand.

Die kleine Familie ist mit Fahrkarten, die Oma besorgt hatte, zum Bahnhof aufgebrochen. Vati musste sich möglichst unauffällig durch die Straßen und vor allem am Bahnhof bewegen. So instruierte Vati unsere Mutter: „Du gehst mit den Kindern in den Zug, ich bleibe so lange in der DRK-Station bis der Zug anrollt, und dann springe ich auf.“ Mutti ging in den Zug und hielt ängstlich aus dem Fenster nach Vati Ausschau, als der Zug sich langsam in Bewegung setzte. Ihre Not war groß: was wäre, wenn ihr Mann den Zug verfehlte und stürzte, oder aufgegriffen würde? Was wäre, wenn er sie im Zug nicht fand? Er hatte die Fahrkarten, und sie könnte keine Fahrscheine vorlegen, wenn sie kontrolliert würde. Angsterfüllt hat Mutti ausgeharrt. Als der Zug anfuhr, ist Vati wie geplant auf den Gepäckwagen gesprungen und innerhalb des Zuges zu seiner frau und den Kindern gegangen. Kurz nachdem er sie gefunden hatte, kam die Fahrkartenkontrolle.

Zufall? Alle waren nun im Zug, und die Reise von Stendal nach Rheurdt (ca. 460 km) sollte eine Woche dauern. Die Fahrt musste mehrmals unterbrochen werden. Bei Halberstadt mussten sie heraus aus dem Zug und zu Fuß über die Sektorengrenze. Sie schliefen auf den Feldern unter Strohgarben. Das war im Sommer 1945. In der Morgendämmerung liefen sie zu einem Bauernhof, und der Bauer erlaubte ihnen, in seiner Scheune zu übernachten, wo andere Flüchtlinge bereits ebenfalls Unterschlupf gefunden hatten.

Russische Soldaten kamen in die Scheune und fragten nach freiwilligen Frauen, die Kartoffeln schälen sollten. Mutti hat sich nicht gemeldet, weil Vati sie davor gewarnt hat, und das war auch gut so. In der Nacht des 17.08.45 sind alle aus der Scheune Richtung Grenze gezogen. Mutti trug auf ihrem Rücken in einer Decke eingepackt ein Radio. Sie wäre es gern losgeworden, weil die Last schmerzte, aber Vati sagte, dass sie das Radio weiter mitnehmen müssten. Vati hatte ein Fahrrad und Koffer, und es gab einen Kinderwagen für das Baby (Erika war fast ein Jahr alt). Auf dem Weg zur Grenze wurden sie von einem russischen Soldaten gestoppt. Erika weinte sehr, ihr Po war wund. Der Soldat forderte Mutti auf, das Kind zum Schweigen zu bringen, sonst würde er das tun – und legte das Gewehr an Erika an. In ihrer Not streichelte und tätschelte Mutti die kleine, um sie zu beruhigen, und es gelang Uhr auch. Da es Dunkel war, tastete der russische Soldat die Personen ab. Als Vati vor ihm stand, ließ das volle Haar den Soldaten zunächst vermuten, dass er eine Frau vor sich hätte, aber beim Ertasten der Bartbehaarung wurde er grantig. Er forderte Harsch „Uri“ (die Uhr) und das Fahrrad. Vati wollte die Uhr nicht abgeben und ließ sie in der Dunkelheit in den Kinderwagen gleiten. Der Soldat war sauer, dass er keine Uhr bekam, und sagte, alle müssten mit zur Kommandantur. Er lief vor, und in diesem Moment flohen Vati, Mutti und die Kinder samt Kinderwagen querfeldein. Der Kinderwagen ließ sich kaum schieben, sie mussten einen kleinen Bach durchqueren, und Mutti blieb mit dem Wagen stecken. Irgendwie schafften sie es, sich zusammen mit anderen Flüchtlingen auf eine Böschung zu retten.

Die Soldaten schossen auf sie, und alle legten sich flach auf den Boden. Erika und Karin waren die einzigen Kinder in der Flüchtlingsgruppe.

(Das, was in heutigen Kriegsgebieten für die Menschen Alltag ist, war vor Jahrzenten auch für meine Eltern und Geschwister ein reales Erlebnis: beschossen zu werden.)

Hinter der rettenden Böschung lag ein Bauernhof. Der Kinderwagen hatte die Aktion nicht überstanden, aber der Bauer hatte eine Schubkarre, und die konnte Vati sich ausleihen, um den weg zum Bahnhof zu bewältigen. Gut, dass er die Uhr gerettet hatte: Diese und sein Personalausweis dienten als Pfand für die Schubkarre. Am Bahnhof stand ein Zuckerzug nach Duisburg. Das war schon recht nahe an Rheurdt, dem Ziel meiner Familie. Sie wartete darauf, dass der Zug losfuhr, und das sollte nicht mehr lange dauern.

Aber Vati musste ja die Schubkarre noch zurückbringen, und den Personalausweis und die Uhr auslösen. Der Weg war weit, und Mutti blieb mit den Kindern am Bahnhof. Vati rannte die Strecke hin und zurück. Mutti hatte Angst, wie so oft, und hat gebangt, ob Vati zur rechten Zeit wieder am Bahnhof eintreffen würde. Sie wurden den quälenden Gedanken nicht los: Was, wenn der Zug abfährt, bevor Vati den Bahnhof erreicht hat? Vati hat es aber geschafft, alle sind rauf auf den Zuckerzug, und los ging die Fahrt Richtung Westen. Duisburg wurde in der Dunkelheit erreicht. Ab 22 Uhr war Sperrstunde, und es blieb nicht mehr viel Zeit bis dahin. Die Frage war: „Wie weit kommen wir heute noch?“ In Duisburg hat Mutti wieder mal am Bahnhof gewartet, während Vati versuchte, eine Mitfahrgelegenheit zu organisieren. Das erwies sich als schwierig, denn Lastwagenfahrern war es verboten, Personen zu transportieren. (Die Besatzer, oder besser gesagt, die Befreiungsarmee, war hier die amerikanische Armee.) Ein LKW-Fahrer hatte Mitleid mit der kleinen Familie und nahm sie trotz des Verbots mit. Unter einer Plane auf der Ladefläche ging die Fahrt los. Das Ziel des LKW-Fahrers war Moers: Wieder etwas näher an Rheurdt, und der Rhein wäre überwunden! Die Situation von der vier von der Flucht gezeichneten Menschen auf ihrer Reise nach Rheurdt muss den Fahrer so gerührt haben, dass er sie noch am selben Abend bis vor die Tür von Vatis Elternhaus in Rheurdt gebracht hat.

So mitleidig auch der fremde LKW-Fahrer war, so distanziert war die Situation in Vatis Elternhaus.

Vatis Mutter war früh verstorben.